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Verbale Floskeln vermeiden – Mülltrennung der anderen Art

  • Autorenbild: Sabine Ursel
    Sabine Ursel
  • 19. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Jan.

Da ist es nun – das alljährliche Unwort des Jahres. Mit „Sondervermögen“ und der Begründung der Jury kann ich leben. Ich nehme diese Wortfindungstradition zum Anlass, auch über andere Unwörter nachzudenken – das sind für mich Floskeln, genauer gesagt: oft im Übermaß gebrauchte Phrasen.


Sie schleichen sich „hinterrücks“ in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Sie stehen oft am Ende einer Argumentationskette, wenn der Sprecher oder die Sprecherin mit dem Verbal-Latein am Ende scheinen. Floskeln werden mal mit Kalkül gebraucht und mal kommen sie unwillkürlich daher, ohne dass der (Aus-)Sprechende sich dessen bewusst ist. Verallgemeinerte Redewendungen sind in allen Generationsstufen verankert; mal temporär, mal halten sie sich jahrelang hartnäckig.


Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung

Aufmerksam (hellhörig) wird man dann, wenn Worthülsen zu stören beginnen – bei andauernder Wiederholung oder wenn Sinnbefreites an die Oberfläche tritt und vom Kern ablenkt. Wir bemerken es zuerst bei unserem Gegenüber bzw. bei Anderen: Das kann bei Gesprächen im Freundeskreis und auch beim Verfolgen mündlich geführter Interviews im TV, Radio oder in den sogenannten „sozialen“ Medien der Fall sein. (In Printmedien greift die Redaktion beim Verschriftlichen des Gesagten rettend ein. Hier werden Sätze geradegerückt und allzu Banales entsprechend gekürzt.). Das Gute: Wer Floskeln erst einmal entlarvt hat, der wird auch seinen eigenen Sprachgebrauch analysieren – und das ist dann meist der erste Schritt zur „Besserung“.


Hier eine lockere Zusammenstellung von Worthülsen, die in und von der Gesellschaft verbal beharrlich am Leben erhalten werden:


  • Es ist, wie es ist ... 

    In Lokalkolorit (örtlicher Färbung): „Et kütt, wie et kütt“; fatalistisches Achselzucken (meist geseufzt)

  • Weißt, wie ich meine? 

    Komm in der Du-Form daher, arg verkürzt ... ja, habe ich kapiert!

  • So ist es halt ...

    Aha, und nun?

  • Wer kann, der kann ... 

    Ok, es gibt schlimmere Floskeln

  • Da haben Sie einen Punkt ... 

    Auf gutem Weg zum neuen Dauerbrenner seiend (bitte nicht!)

  • Gerne ... 

    Längst Dauerbrenner! Gebraucht nach Dank des Gegenübers; früher reichte ein einfaches „Bitte“

  • Da habe ich halt ...

    Seit Jahrzehnten (zuweilen sogar mehrfach in einem Satz) unwillkürlich eingestreut; das wohl hohlste Wort „ever“

  • Quasi ...

    Entspricht dem „sozusagen“ ... beides unnötig, überflüssig, entbehrlich (= kann weg)


Im Geschäftsleben zudem zu überdenken:


  • Wir sind kundenorientiert ... 

    Prima, und wo sind die Nachweise?

  • Wir denken „out of the box“ ...

    Soso, und was genau machen Sie anders/besser als andere?

  • Wir sind innovativ ... 

    Inflationär gebrauchte, gefährliche Allerweltsaussage; entspricht in der Realität oft leider null bis kaum dem eigentlichen Wortsinn

  • Unsere Lösung ist „state of the art“ ... 

    Ach ja? Und wo steht der gerade? Wer sich „state of the art“ zuschreibt, ist gerade mal auf Höhe der Zeit – und dürfte sich somit auch nicht obendrein noch als „innovativ“ bezeichnen

  • etc.  

    Sicher fallen Ihnen beim Nachdenken und Zuhören viele weitere Beispiele ein/auf


Mülltrennung der anderen Art

„Floskel“ (von lateinisch flosculus = Blümchen) ist heute per se (also aus sich heraus) ein negativ besetzter Begriff. „Bloße oder leere Floskel“ wäre demnach eine unsinnige Steigerung. Weitere Umschreibungen: Redeblume, Füllwort, nichtssagende Redensart, leere/hohle Worte, Plattitüde, Allgemeinplatz, Banalität, Binse/Binsenweisheit ... aber auch Sprachmüll, Gelaber, Gefasel, Gewäsch – dass damit niemand seine Argumentation in Gesprächen anreichert, ist klar („wie Kloßbrühe“ – die auch in die Aufzählung oben gepasst hätte). Daraus folgt: Wir müssen uns das Unbewusste bewusst machen, unseren eigenen Sprachgebrauch laufend analysieren und dann auch trainieren. Als „Mülltrennung der anderen Art“ bezeichne ich das.


Zugegeben: Gesprächspausen geschickt zu überbrücken, ist nicht immer leicht. So manche Floskel hilft, wenn die Geistesgegenwart gerade nicht mitspielt. Wir sollten „liebgewordene“ Redewendungen und Worthülsen nicht vollends zu eliminieren versuchen (das ist ohnehin unmöglich). Sparsames Anwenden ist ein guter Mittelweg. Insbesondere im Geschäftsleben ist es wichtig, die eigenen Verbaltechniken immer mal wieder unter die Lupe zu nehmen. Wie agiere bzw. argumentiere ich beim Small Talk? Wie am Verhandlungstisch? Und wie in unangenehmen Situationen? Wie kann ich die Substanz meiner Argumente stützen? Und: Was steht dem entgegen? Ein phrasierender Verkäufer wird auf Einkäuferseite eher für Unruhe als für Aufmerksamkeit sorgen. Umgekehrt gilt das freilich (Achtung, Füllwort!) auch.  


Auge in Auge Chancen nutzen

Im Marketing wird bedenkenlos übertrieben. Auf Webseiten stoßen wir auf „Gefloskeltes“, auf Geprotztes, Maßloses, Lautes. Das ist „quasi state of the art“ 😉.

Die Realität offenbart sich ohnehin erst in Gesprächen. Hier werden Allgemeinplätze rasch demaskiert. Nur wer nutzenorientierte Argumente vorzubringen vermag, kann (unangenehmen) Nachfragen viel besser vorbeugen. Verbindlichkeit schafft Vertrauen. Belegbares auch. Es geht um Überzeugungskraft, Wahrhaftigkeit und Authentizität. Oft bekommt man dafür nur eine Chance. Es lohnt sich also, die eigene Sprachfertigkeit zu schulen – insbesondere für Verkäufer und Führungskräfte, die ja alle exponiert agieren und andere mitnehmen wollen bzw. müssen.


Ich rate zu einem Seminar in Sachen Analyse von Rhetorik und Präsenz.



Sabine Ursel, 20. Januar 2026, www.sabine-ursel.de







 
 
 

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